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Die drei Waschungen

Vor einiger Zeit entdeckte ich, dass es im Zusammenhang mit dem Leiden und Sterben Jesu drei Waschungen gibt:

Die erste Waschung, an die ich denke, ist die Fußwaschung, die in zeitlicher Nähe zur Ein-setzung des heiligen Abendmahls stattfand. Die Geschichte von der Fußwaschung ist eine unglaubliche Geschichte. Vielleicht haben wir sie so oft gelesen und gehört, dass wir gar nicht mehr merken, wie bewegend sie ist.

Bewegend ist bereits, mit welchem Satz die Geschichte von der Fußwaschung beginnt. Der Anfang der Fußwaschungsgeschichte lautet: ‚Wie er die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis ans Ende.’ Natürlich – die Seinen hatten alles verlassen und waren ihm gefolgt. Aber in den drei Jahren, seit sie ihm folgten, hatten sie ihn auch sehr gestresst – durch Unglauben, durch Kleinglauben und durch Reaktionen, wo ihm die Haare zu Berge standen. Die Zwölf waren alles andere als pflegeleicht.

Und Jesus sah ja nicht nur zurück in die vergangenen drei Jahre, er sah auch, was in den nächsten Stunden passieren würde: Judas würde ihn verraten. Petrus würde ihn verleugnen. Während er Schweiß und Blut schwitzte, würden die Seinen schlafen, statt mit ihm zu wachen und am Ende würden sie alle das Weite suchen, - bis auf einen. Im Blick auf solche Leute heißt es: ‚Und wie er die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis ans Ende.’ Keiner liebt wie Jesus! Er liebt uns nicht, weil wir so gut sind, sondern weil er so gut ist. ‚Er liebte sie bis ans Ende.’

Das wird spätestens klar, als er sich die Sklavenschürze umbindet, niederkniet und anfängt, seinen Jüngern die Füße zu waschen, er, der Sohn Gottes. Einem nach dem andern wäscht er die Füße, auch Judas. Wie dessen Gewissen wohl gebrannt haben mag! Jesus erniedrigt sich selbst und nimmt Knechtsgestalt an. Der, dem alle Engel dienen, wird ein Sklave. 

Keiner der Götter und Götzen der Völker der Vergangenheit und der Gegenwart würde so etwas tun. Für Muslime ist die Fußwaschungsgeschichte geradezu ein Beweis dafür, dass Je-sus nicht Gottes Sohn sein kann. Allah berührt die Menschen nicht, geschweige denn wäscht er ihnen die Füße.

Auch Petrus wehrt sich mit Händen und Füßen: ‚Niemals sollst du mir die Füße waschen!’ Doch dann hört er aus dem Munde Jesu: ‚Wer sich von mir nicht waschen lässt, hat keinen Teil an mir.’ Das heißt: Zu Jesus kann man nur gehören, wenn man seinen Reinigungs-dienst in Anspruch genommen hat und immer wieder in Anspruch nimmt. Jesus ist aus-schließlich dazu gekommen, Sünder selig zu machen. Wer nicht erkennt und anerkennt, dass er ein Sünder ist, erkennt auch nicht den Grund des Kommens und des Leidens und Sterbens Jesu. Jesus, der Sünderheiland, ist gekommen und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz, um Sünder, die sich ihm zuwenden, reinzuwaschen von ihren Sünden. 

Am Schluss der Fußwaschungsgeschichte sagt Jesus: ‚Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe.’ Jesus ist ein Weltmeister im Füßewaschen; wir sind eher Weltmeister im Kopfwaschen. Wir waschen andern lieber den Kopf als die Füße. Aber die tägliche Begegnung mit Jesus, die sorgfältige Pflege der Beziehung zu ihm kann unsere Herzen nach und nach so verändern, dass wir uns für keinen Dienst aneinander zu schade sind.

Nur wenige Stunden nach der Fußwaschung werden wir Zeugen einer weiteren Waschung. Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld. Albrecht Altdorfer, ein Zeitgenosse und Freund Albrecht Dürers und Martin Luthers, hat die Pilatusszene auf den Sebastianaltar in Passau gemalt. 

Die Szene spielt auf der Terrasse des Pilatuspalastes. Herrschaftlich ist das Gedinge des rö-mischen Prokurators. Kostbar ist sein Gewand. Eilfertige Diener stehen zu seinen Diensten. Pilatus repräsentiert den römischen Kaiser in der besetzten Provinz Palästina.

Als Betrachter des Altdorferbildes fasziniert einen der Kontrast zwischen Pilatus und Jesus. Jesus steht in einiger Entfernung zu Pilatus – eine Jammergestalt, frisch gegeißelt, dornen-gekrönt; das Blut fließt über seine Stirn und über den Spottmantel, den man ihm umgehängt hat. Pilatus – ein freier Mann; Jesus gebunden!

Und doch, der Mächtige, der Prunkvolle ist in großer Verlegenheit im Blick auf Jesus. ‚Was soll ich machen mit Jesus?’ Die Argumente des Hohen Rates sind fadenscheinig; das merkt der kluge Mann. Seine Frau war gerade blass und übernächtigt auf der Bildfläche erschienen und hatte händeringend gewarnt: ‚Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich hat-te seinetwegen schlimme Träume.’

Ja, Pilatus ist selbst innerlich aufgewühlt durch die Antworten, die Jesus gab. Er sei gekom-men, um für die Wahrheit zu zeugen, hatte Jesus gesagt. Mein Gott, was ist Wahrheit? Als Politiker waren Pilatus Lügen und Intrigen vertrauter. Dann hatte er noch erfahren, Jesus könnte 12000 Engel schicken, um ihn aus dem Prozess herauszuhauen. Jesus hätte das vor kurzem zu einem seiner Jünger gesagt.

Was soll ich machen mit Jesus? Glücklicherweise erinnerte er sich an die Sitte, anlässlich des Passahfestes einen Strafgefangenen freizulassen. Er wählte vorsätzlich den schlimmsten: Barrabas! Diesen gefürchteten Ganoven würden die Juden Jesus bestimmt nicht vorziehen. Aber unfassbar: Sie zogen Barrabas Jesus vor, - aus Neid, wie Pilatus erkannte. 

Pilatus wollte Jesus loslassen, aber dann drohten sie ihm, ihn beim Kaiser anzuschwärzen, weil sich Jesus als König ausgegeben hatte. Nein, soweit konnte er nicht gehen. Seine Kar-riere konnte er für Jesus nicht auf’s Spiel setzen. Dann eben Kreuzigung; Kreuzigung eines Unschuldigen.

Aber die Schüssel des Pilatus ist eine Farce. Beim Leiden und Sterben Jesu gibt es keine unbeteiligten Zuschauer. Millionenfach bekennen heute noch Menschen beim Sprechen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, dass Pilatus es war, der für das Leiden und Sterben Jesu Mitverantwortung trug: ‚Gelitten unter Pontius Pilatus.’

Pilatus wäscht seine Hände in Unschuld, aber Gott wäscht die Hände des Pilatus nicht in Unschuld wegen einer lächerlichen Waschschüssel. Die Schüssel des Pilatus ist eine Lü-genschüssel. Und auch keiner nach Pilatus kann sich im Blick auf das Leiden und Sterben Jesu die Hände in Unschuld waschen. Jede Stunde Gottvergessenheit in meinem Leben ist ein Hammerschlag auf die Nägel des gekreuzigten Jesus. Jedes Aufbegehren gegen Gottes Wege mit mir ist ein Hammerschlag auf die Nägel des gekreuzigten Jesus. Jeder unreine Ge-danke, jedes lieblose Wort, jede unterlassene gute Tat ist ein Hammerschlag auf die Nägel des gekreuzigten Jesus. Als Johann Sebastian Bach den Choralsatz zu dem Vers komponier-te: ‚Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, ich habe dir erreget das Elend, das dich schläget und das gesamte Marterheer’, - als Johann Se-bastian Bach den Choralsatz zu diesem Vers komponierte, fielen Tränen auf das Notenblatt.

Ich bin’s! Da stirbt einer meinen Tod! Am Kreuz von Golgatha sollte eigentlich ich hängen. Ja, ich kann ebenso wenig wie Pilatus meine Hände in Unschuld waschen. Keiner kann be-haupten: ‚Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten.’

Aber – Gott sei Lob und Dank – im Neuen Testament ist noch von einer dritten Waschung die Rede. Johannes, der Jünger Jesu, der als Einziger nicht geflohen war, sondern unterm Kreuz stand, schärft verzagten Sündern in einem seiner Briefe die beste aller guten Nach-richten ein: ‚Das Blut Jesu wäscht rein von aller Sünde.’ Das Blut Jesu ist die einzige Arznei im Blick auf alles, was zwischen Mensch und Gott steht und im Blick auf alles, was zwi-schen Mensch und Mensch steht.

Jede Abendmahlsfeier erinnert uns daran, dass wir über unsere Verhältnisse leben dürfen. Dass wir eingeladen sind, von den Verhältnissen herunterzuleben, für die Jesus durch sei-nen Tod und durch seine Auferstehung gesorgt hat. ‚Mein Leib, für dich zerbrochen!’ ‚Mein Blut, für dich vergossen!’ Das Blut Jesu wäscht rein von aller Sünde! Jeder, der Jesus in sein Herz und Leben eingeladen hat, darf wissen: ‚Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel wird eingehn.’ 

Ein altes Glaubenslied fasst diese dritte Waschung eindrucksvoll zusammen:

Ich weiß einen Strom, dessen heilige Flut fließt wunderbar stille durch’s Land; doch strahlet und glänzt er wie feurige Glut. Wem ist dieses Wasser bekannt?

O Seele, ich bitte dich: Komm! Und such diesen herrlichen Strom! Sein Wasser fließt frei und mächtiglich, o glaub’s, es fließet für dich.

Wohin dieser Strom sich nur immer ergießt, da jubelt und jauchzet das Herz, das nunmehr den köstlichsten Segen genießt, erlöset von Sorge und Schmerz.

Der Strom ist gar tief und sein Wasser ist klar, es schmecket so lieblich und fein, es heilet die Kranken und stärkt wunderbar, ja, machet die Unreinsten rein.

Das Wasser des Lebens, das ist diese Flut, durch Jesus ergießet sie sich. Sein kostbares, teu-res und heiliges Blut, o Sünder, vergoss er für dich.

Wen dürstet, der komme und trinke sich satt. So rufen der Geist und die Braut. Nur wer in dem Strome gewaschen sich hat, das Angesicht Gottes einst schaut.

W. P.

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